Textatelier
BLOG vom: 25.11.2005

Wunderpille für Idioten: Modafinil (Provigil aus den USA)

Autor: Emil Baschnonga
 
In unserer Zeit leiden mehr und mehr Leute unter Depressionen. Wen wunderts? Als Gegenmittel schlucken sie etwa Prozac und werden von dieser Droge abhängig.
*
Ende 1970 wurde Modafinil entwickelt. Unter Arbeitsdruck können einem ja leicht einmal am Nachmittag die Augen zufallen – zum erquickenden Nickerchen. Ein solches kurzes Nickerchen wird in England „cat nap“ genannt, da die Katzen dazu sehr begabt sind. Die Wissenschaft hat den Ausdruck geprägt: „Narcolepsy“, eine Art narkoseartiger Schlafsucht, die der immer längeren Kategorie der „disorders“ (Störungen) zugeordnet wird. Als junger Mann war ich froh um mein Schlafvermögen. Ich konnte göttlich pennen. Ich wünsche, ich besässe diese Gabe heute noch in diesem Ausmass.
*
Mit Modafinil bleiben die Pillenschlucker hellwach und kommen bis zu 90 Stunden ohne Schlaf aus. Nicht nur das: Sie geraten damit in eine wahre Arbeitswut. Und das Hirn funktioniert umso besser und das Gedächtnis wird gestärkt, weswegen diese Pille auch „Geniepille“ genannt wird.
 
Wer das glaubt, glaubt alles.
*
Die amerikanischen Kriegspiloten und Soldaten im Irak schlucken sie, die in den USA Provigil heisst; auch in der Fremdenlegion ist diese Wunderpille nicht unbekannt. Das britische MoD (Ministry of Defense, Verteidigungsministerium) soll seit 1998 mehr als 24 000 Modafinil-Tabletten gekauft haben. Die Gründe sind einsehbar: Erhöhte und verlängerte „Wachsamkeit“ bringt mehr Gegner zu Fall. Die Kriegsernte, mit „body counts“ messbar, erhöht sich beachtlich. Nebenbei bemerkt: Ich bin auf die Schlagzeile „Sp(oil)s of War“ (Erdöl als Kriegsbeute) gestossen.
*
Der Privatkonsum von Modafinil hat sich in Amerika zwischen 2002 von 1 Million auf 2 Millionen letztes Jahr erhöht. Bomben und Pillen sind heute wie gestern Bombengeschäfte.
*
Im Kennerkreis wird Modafinil zur „Lifestyle drug“, also Lebensstil-Droge, wie so viele andere auch. Sie ist noch rezeptpflichtig – doch übers Internet ist sie für £ 50 beziehbar. Die Packung enthält 30 Pillen. Pfui Teufel – Hände weg von solchem Dreck, rate ich eindringlichst!
*
Ein klarer Kopf, selbst auf dem Ruhekissen, ist unser bestes Anlagevermögen. Ihn mit Schadstoffen aller Art und Drogenmissbrauch zu beschädigen, ist schlicht und einfach idiotisch, und gegen die Idiotie gibt es keine Wunderpille.
*
Leider werden wir im Beruf derart überfordert und strapaziert, weit über die normale Arbeitszeit hinaus, dass sich Depressionen einschleichen und stauen. Hinzu kommt, dass so viele Menschen auch in der Freizeit Raubbau mit ihrer Gesundheit treiben. Seit der Nacht auf gestern Donnerstag, 24. November 2005, wird in England das „Binge drinking“ durch die ganze Nacht gesetzlich unterstützt (Lizenzeinnahmen!) und gefördert, dank der verlängerten Ausschankzeiten in Pubs und Bars. Die Gesetze zur Sperrstunde (Schweiz: Polizeistunde) waren in England seit 1915 weitgehend unverändert geblieben.
*
In südlichen Ländern ist der Pro-Kopf-Konsum von Alkohol sogar noch höher als in England. Nur treffen sich dort Alt und Jung zu einer Mahlzeit und plaudern viel und vergnügt miteinander. Wenn die Besoffenen mit leerem Magen in England längst nach Mitternacht auf den Strassen Radau machen, fehlen ihnen die Verkehrsmittel für den Heimweg. Wann werden Modafinil-Automaten in Pubs eingerichtet?
 
Hinweis auf Blogs zu den Themen Depression und Binge drinking
Hinweis auf weitere Blogs von Baschnonga Emil
Juni-Aphorismen
Mai-Aphorismen
April-Aphorismen
Der Träumer
Der vermeintliche Obdachlose
März-Aphorismen
Februar-Aphorismen
Januar-Aphorismen
Dezember-Aphorismen
November-Aphorismen
Oktober-Aphorismen
September-Aphorismen
Die verlorene Handtasche
August-Aphorismen
Juni-Aphorismen